Klang ist Glauben

Geigenbauer Martin Schleske philosophiert bei einer Konzert-Lesung im Martinstadl über Instrumente, Tone und Menschen

ViolineAm Anfang war der Klang. Der Klang ist elementar wie das Licht, wie der Atem; ist eine geheimnisvolle, schöpferische Urkraft, die im Universum und in jedem Lebewesen wirkt. Für den Geigenbauer Martin Schleske aus Gauting, der mit einer Lesung aus seinem Buch "Der Klang - Vom unerhörten Sinn des Lebens" am Freitag im Zornedinger Martinstadl die Auftaktveranstaltung zum Jubiläumsprogramm des Katholischen Kreisbildungswerks gestaltete, ist der Klang eine Glaubenserfahrung und der Geigenbau ein Gleichnis des Lebens. "Der Klang macht uns zum Menschen", sagte Schleske und verwies auf die Bibelstelle, nach welcher neben dem Erzschmied der Flötenspieler (Jubal) zu den ältesten Berufen, die es auf der Welt gibt, zählt.

Schleskes Freund, der bekannte Geiger Alban Beikircher, begleitete die Textstellen auf einer "Opus 49”, einem Instrument aus Schleskes Werkstatt, mit Stücken unter anderem von Bach und Paganini. Gerade erst ist die Geige fertig geworden. "Mein Baby", sagte der Geigenbauer stolz. Ihr Klang: elegant und sanft, mit mehr Bauch als Brillanz, wie Schleske es vielleicht ausdrücken würde. Dem faszinierten Publikum erklärte er auch gleich, dass die G-Saite einer guten Geige knirschen müsse wie frisch gefallener Schnee. So wie es bei einer Guarneri der Fall sei. Angesichts des Schneegestöbers draußen hätte man gleich die Probe aufs Exempel machen können. Die Guarneri und die Stradivari verglich er übrigens mit zwei sehr gegensätzlichen Frauen: Die eine gleiche einer älteren, drallen schwarzhaarigen Zigeunerin, die andere sei ein wenig unnahbar, als wollte sie sagen: "Fass mich nicht an!"

Beikirchers Geige hatte etwas von Beiden. Und sicher auch ein wunderbar knackendes "G". Der Künstler gestaltete sein Spiel jedenfalls so, dass die Zuhörer überaus nahbar die klangliche Wirkmacht der Violine hören und spüren konnten. Doch alle Kunst des Musikers, Intonation, Vibrato, Bogenstrich, ist nur ein Teil des Geheimnisses. Wesentlich für den Klang einer Geige - entscheidend auch für den Charakter eines Menschen - ist laut Martin Schleske das Holz, aus dem Geige (und Mensch) geschnitzt sind. Hier wie da seien es nicht die Bäume, die schnell wachsend und leicht zugänglich in der Ebene gedeihen, sondern jene im Gebirge, auf magerem Boden, die sich langsam entwickeln und, wenn man Glück habe, zu einem "Sängerholz” werden. "Ein großartiges Klangholz findet sich nicht nebenbei, sondern in den Windbrüchen und Steilhängen des Lebens."

Im Laufe des Abends verdichtete sich Schleskes Metaphorik, angereichert mit Zitaten aus der Bibel sowie chinesischen und jüdischen Weisheiten, zum leidenschaftlichen Glaubensbekenntnis. Das Publikum beobachtete staunend, wie der Meister den Klang von "Schwingungsbäuchen" und "Knotenpunkten" eines im Jahr 1864 geschlagenen Holzes vorführte und diese akustischen Phänomene wiederum mit dem menschlichen Leben verglich. Das eine seien die Ruhepunkte, in denen wir gehalten werden und in die wir unser Vertrauen setzten; das andere ein Gleichnis für die heilige Unruhe, ohne die es keinen Klang, keine Berufung gebe.

Die Vorsitzende des Kreisbildungswerks, Jutta Sirotek, hatte bei ihrer Begrüßung die Philosophie der vor 40 Jahren gegründeten Erwachsenen- und Familienbildungsstätte als "Aufbruch in eine neue Zeit außerhalb der Kirchenmauern" bezeichnet. Man habe den Menschen Angebote machen wollen, um Antworten zu finden auf die Herausforderungen des Lebens. Klang ist eine Antwort. Vielleicht die einzige.

Rita Baedeker in der Ebersberger SZ am 23.01.2012